Tag: 2026
Tänze fast vergessener Geister
Die Sonne, die nicht scheinen durfte
„Wild entgrenzt und eng umschlungen“: Performer:innen Tubi Malcharzi, Alexander Hahne, Heinrich Horwitz, Géraldine Schabraque
Foto: Jonas Mannherz
Von Jens Fischer
Auf angenehm zurückhaltende Art spricht dieser Abend eine Einladung aus: Die Einladung sich einzulassen auf die Lebensrealitäten von trans und non-binärer Queerness. Also ist die Distanz zwischen Zuschauer- und Bühnenraum aufgehoben, die Tribüne abgehängt. Das Publikum wandelt ungelenkt durch die schäbig-schicke Kargheit von Halle 1 der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel.
Hier bringt Choreograf:in René*e Reith „Tänze fast vergessener Geister“ zur Uraufführung. Im Juni folgen Gastspiele am Berliner Ballhaus Ost sowie dem Pathos Theater München. Alles Teil von Reiths künstlerisch-wissenschaftlichem Promotionsprojekt an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien.
Es werden keine Rollen gespielt
Düster dräuende Klänge wabern durch den Saal, hineingemixt sind kaum verständliche Textbrocken, Formulierungen wie „Körper voller Leidenschaft“ funkeln heraus. Vier Künstler:innen mischen sich unters Publikum und setzen auf einen inzwischen klassischen Performance-Trick: Sie spielen keine Rollen, sondern entwickeln in individuellen Kostümen ihre fluiden Identitätsentwürfe. Aus persönlichen Perspektiven soll sich die Dringlichkeit der ganzen Aufführung vermitteln.
Anfangs durchschreitet Tubi Malcharzi forsch das Terrain. Alexander Hahne krampft am Boden, entfaltet seinen Körper. Heinrich Horwitz verteilt Reiskörner. Und Géraldine Schabraque schlendert lässig herum, atmet schwer ins Mikrofon, steigert sich in ein Hecheln, das von zunehmend satteren Grooves getragen wird. Bald feiern alle mit gen Himmel strebenden Gesten, strecken sehnsuchtsvoll die Hände aus, werfen einander Küsse zu.
Immer wieder sinken sie zu Boden und stehen wieder auf. Drehen sich weiter um sich selbst und ineinander. Finden „wild entgrenzt und eng umschlungen“, wie es später heißt, zu einem lustvoll-intimen Miteinander. Während den Gästen zur Gemütlichkeitssteigerung einige Stühle, Sitzkissen und -säcke angeboten werden.
Eine exemplarische Biografie
Jetzt kommt Liddy Bacroff ins Spiel – als exemplarische Geschichte eines Menschen, der das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht ändert und dies selbstbewusst lebt. Als Sexarbeiterin und in Nachtclubs verdiente die Wahlhamburgerin in der durchaus liberalen Weimarer Republik ihren Lebensunterhalt, wurde aber mehrmals wegen homosexueller Handlungen zu kurzen Haftstrafen verurteilt.
In der Hansestadt ist Bacroffs Biografie halbwegs präsent, auch dank des Stolpersteins vor ihrer ehemaligen Wohnung im Stadtteil St. Pauli. Vielleicht deswegen wird sie nun auch nicht im historischen Kontext für die Bühne nachvollziehbar rekonstruiert. Verweise finden sich nur in einigen Zitaten aus Texten, die Bacroff im Gefängnis schrieb. Darin geht es immer wieder berauscht auf die Tanzflächen von damals „Transvestitenbars“ genannten Etablissements: „Will flirten, toben, schmeicheln! Lasst mich – ich bin Liddy.“
Das Stück
Tänze fast vergessener Geister. Eine zeitgenössische Tanzperformance von René*e Reith. Bis 14. 3., Hamburg, Kampnagel.
Gastspiele im Ballhaus Ost Berlin und im Pathos Theater Münche: Juni 2026
Was das nicht supertoll tanzende Performance-Quartett zu aufputschenden Beats sowie Nebelzuspielungen illustriert mit stolzem Posieren, mit Selbstdarstellungs-, Selbstentäußerungs-, Selbstumarmungschoreografien. Vom „Morphium, [dem] süßeste[n] aller Laster“, geht die Rede, von Geilheit, von Erinnerungen an Berührungen, die sich wie ein feuchter Film auf das Geschehen legen.
Géraldine Schabraque stimmt dazu in herrlich gehauchter Intonation die Pride-Hymne der 1920er Jahre an, „Das lila Lied“: „Doch bald gebt acht, es wird über Nacht auch unsre Sonne scheinen. Dann haben wir das gleiche Recht erstritten, wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten.“
Verfolgt und ermordet
Wozu es leider in Wirklichkeit nicht kam: Die nationalsozialistische Pathologisierung und Verfolgung sexueller Minderheiten überlebte auch Bacroff nicht. Erstarrt erinnern die Performer:innen an einen Tag im Jahr 1938, an dem sie als Mann in Frauenkleidern denunziert wurde, der mit einem Freier in einer Bar sitze.
„Gewerbsmäßige widernatürliche Unzucht“, lautete das Urteil, vom „Sittenverderber schlimmster Art“ war die Rede. Bacroff saß erst im Gefängnis Bremen-Oslebshausen ein, kam dann in eine Rendsburger Anstalt zur „Sicherungsverwahrung“ und wurde 1943 im KZ Mauthausen ermordet.
Am Ende bilden die Performer:innen mit dem Publikum einen Kreis und erzählen leise ihre eigene Gender-Geschichte. Sanft schwindet das Licht. Künstler:innen und Zuschauer:innen scheinen sich nähergekommen zu sein. So erweist sich die Inszenierung als zarte Bitte: Nehmt trans Personen so wahr, „wie wir sind“ – als die nämlich, „die wir schon immer waren“.
Drosseln
Premiere 07. Juni 2026 Schauspielhaus Hamburg
„Ich weiß, du hast Angst. Habe ich auch. Aber es wird nicht allzu nass. Ehrlich.“
Drei Personen, drei Räume, drei Lebensläufe. Rebecca, Anna und Sam wollen ihre Situation verändern, sich aus dem Strudel der Einsamkeit, Angst und Verzweiflung befreien. Sie sprechen mit sich über sich selbst, über Gedanken, Sorgen und Schwierigkeiten. Gleichzeitig scheint es so, als würden sie dabei einander antworten, auf die jeweils andere Person eingehen, miteinander in die Diskussion kommen. Obwohl alle erstmal für sich bleiben. Auf kunstvolle Weise verwebt die schottische Autorin Stef Smith die drei inneren Monologe zu einem Gespräch miteinander. Die drei begegnen sich zufällig, zunächst vorsichtig, skeptisch und distanziert. Später mit Ehrlichkeit, Zuneigung und Empathie. Das komplexe Spiel zwischenmenschlicher Beziehungen zwischen Verlangen und Verletzung, Schutzbedürfnis und Zerstörung verhandelt Smith mit sprachlicher Wucht und Schonungslosigkeit.
Stef Smith studierte Drama und Theatre Arts an der Queen Margaret University in Edinburgh. Seitdem ist sie als Autorin tätig. Für ihr Stück »Roadkill« erhielt sie den Olivier Award. »Drosseln« war eine Auftragsarbeit des schottischen Traverse Theatr.
Ein Stück von Sam Stef Smith
Mit Heinrich Horwitz, Linn Reuss, Christiane von Poelnitz
Regie: Jamie Trautmann
Bühne:Malte Knipping
KostümeL Tabea Harms
Musik: Nikolas Kuhl
Dramaturgie: Christina Schulte
TÄNZE FAST VERGESSENER GEISTER
Premiere Kampnagel / Gastspiele im Juni 2026 im Ballhaus Ost und im Pathos München
“Es ist nun mal eine unverwüstliche Überzeugung, dass Liebe irdisch ist, bleibt und sein wird – denn der Tod kann nicht küssen“ Liddy Barcroff
TÄNZE FAST VERGESSENER GEISTER beginnt auf den Spuren der Hamburger trans* Künstlerin und Sexarbeiterin Liddy Bacroff, die im Nationalsozialismus ermordet wurde. Die Hamburger Choreografin René*e Reith und ihr Team folgen jenen Geistern, die Besitz von einem ergreifen, jenen, die man selbst hinterlässt, und jenen, die rastlos zu einem zurückkehren, weil etwas unvollendet geblieben ist. TÄNZE FAST VERGESSENER GEISTER eröffnet dem Publikum einen Raum, in dem die eigenen Körper und Bewegungen zu Trägern von Erinnerung und Imagination werden. In einer interaktiven Performance verbinden sie zeitgenössischen Tanz und biografische Performance.
Künstlerische Leitung und Choreografie René*e Reith
Co-Creation und Performance Alexander Hahne, Heinrich Horwitz, Tubi Malcharzik, Géraldine Schabraque
Sounddesign und Komposition Katharina Pelosi
Bühnen- und Kostümbild Malaika Friedrich-Patoine
Lichtdesign Dennis Dita Kopp
Texte Liddy Bacroff, Alexander Hahne, Heinrich Horwitz, Tubi Malcharzik, Géraldine Schabraque, Marie Simons, René*e Reith
Dramaturgie Anna-Carolin Weber
Assistenz für Bühnen- und Kostümbild Chantal Börner
Produktionsleitung und künstlerische Assistenz, Grafikdesign und Fotografie Jonas Mannherz